„Vom Handwerk zur Freiheit “ – Neue Impulse in der Basilika St. Martin in Ulm-Wiblingen
Seit Oktober 2025 studiere ich nun berufsbegleitend im Master „Kirchliche Popularmusik“ an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik in Tübingen. Neben dem logistischen Aufwand, wenig Schlaf und der täglichen Herausforderung, das Studium in den Alltag zwischen Familie und Beruf zu integrieren, empfinde ich diesen Weg als wahnsinnige Bereicherung. Dass ich zu diesem Master eher durch eine glückliche Fügung als von langer Hand geplant gekommen bin, macht die Erfahrung für mich umso wertvoller: Es ist die Chance, noch einmal sehr intensiv von inspirierenden Persönlichkeiten lernen zu dürfen.
„Jazz is not a what, it is a how. If it were a what, it would be static, never growing. The how is that the music comes from the moment, it is spontaneous, it exists at the time it is created.“ (Bill Evans)
Dabei kristallisiert sich für mich eine zentrale Erkenntnis immer deutlicher heraus: Klassik und Popularmusik sind in ihrem musiktheoretischen Denken, aber auch im Fühlen von Rhythmus, Bogen, Linie und „Flow“ nicht so weit voneinander entfernt, wie manch einer glauben mag.
Insbesondere auf die Musik der Renaissance und des Barock, aber auch auf die Improvisationslust einer klassischen oder romantischen Kadenz trifft das obige Zitat des legendären Jazzpianisten Bill Evans zu. Denken wir an ein Barockorchester oder den Generalbass: Hier wird, ähnlich wie in popularmusikalischen Formen, dem freien Spiel und der gemeinsamen Ideenentwicklung viel Raum eingeräumt. Meine Behauptung ist, dass wir auch notierte Musik viel besser spielen, wenn wir sie von ihrem Entstehungsprozess her begreifen, ihre Grundstrukturen erfassen und verinnerlicht haben.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir vor lauter Sorge, ein Werk „falsch“ zu interpretieren oder dem Anspruch der Werktreue nicht zu genügen, die Spielfreude verlieren – also genau das, was die meisten von uns als Kinder an der Musik begeistert haben dürfte. Um wieder frei zu werden, reicht das „kindliche Gefühl“ allein natürlich nicht aus; es braucht ein tiefes Verständnis von Harmonie, Metrum und Melodiebildung. Genau diesem Spannungsfeld widmen wir uns an einem besonderen Wochenende im Juni.
Die 1. Wiblinger Chorleiterakademie
Samstag, 20. Juni 2025
Da unsere Basilika aktuell eingerüstet und die Orgel nur eingeschränkt zugänglich ist, entstand die Idee einer Chorleiterakademie. Ich freue mich sehr, dass ich hierfür meinen aktuellen Dozenten Julian Knörzer gewinnen konnte: Er ist Beatboxer, Sänger, Arrangeur, Dirigent des Senior Jazzchores und des Jazzchor Freiburg, Leiter des Jazz-Pop-Chores Tübingen und der Chorgruppe TWÄNG, er unterrichtet an der Musikhochschule Freiburg und in Tübingen, hat nebenher noch eigene Kleinensembles wie Unduzo und Acoustic Instinct.
Kurzum: Ein gefragter Experte, der sein Wissen auf extrem freundliche und mitreißende Art weitergibt.
Herzlich eingeladen sind Berufskollegen, aber ebenso auch interessierte nebenamtliche, sowie in Ausbildung befindliche D- und C-Musiker (aktiv oder passiv):
- 10.00 – 12.30 Uhr: Akademie-Arbeit (nur Teilnehmer aktiv und passiv)
- 12.30-14.00 Uhr: Mittagessen
- 14.00 – 17.00 Uhr: Anwendung des Gelernten mit einem Studiochor
- 19.30 Uhr: Gemeinsamer Besuch des Chorkonzerts von Choriosity im Roxy, Ulm (optional)
- So, 21. Juni, 10.30 Uhr: Auftritt des Studiochors und der Akademisten im Gottesdienst der Basilika St. Martin.
Konzert-Highlight: „Let the music pray“
Sonntag, 21. Juni 2025, 18.00 Uhr
Am Sonntagabend erwartet uns ein weiteres Schmankerl der modernen Kirchenmusik. Mein Professor für Klavierimprovisation und Arrangement, Tobias Becker , ist mit einem kleinen Teil seiner Tobias Becker Big Band und dem Programm „Let the music pray“ zu Gast.
Tobias Becker ist Arrangeur, Komponist und Pianist und arbeitet für Künstler, Bands und Orchester. Mit der Tobias Becker Bigband konzertiert er im In- und Ausland, ist Begleiter namhafter Gastkünstler und umrahmt regelmäßig große Events aus Politik, Wirtschaft und Unterhaltung.
Erleben Sie alte Kirchenlieder in einem völlig neuen, faszinierenden Gewand. Hörprobe unter: https://www.youtube.com/watch?v=tVkTV7ho8vQ
Um abschließend zum Ausgangspunkt „Jazz is not a what, it is a how“ zurückzukehren:
Wenn wir das „Wie“ in den kirchlichen Raum übertragen, geht es nicht darum, Traditionen zu ersetzen, sondern sie neu zu beleben. Popularmusik in der Kirche ist kein Widerspruch zur Liturgie, sondern eine Einladung, die zeitlose Botschaft in einer anderen Sprache zu formulieren. Oder, um noch einmal mit Bill Evans zu schließen:
„Develop a comprehensive technique, and then forget that and just be expressive.“
Auf viele bekannte und neue Gesichter an diesem Wochenende freue ich mich sehr.
Auf das weitere manngifaltige bunte Kirchenmusikprogramm an der Basilika St. Martin sei an dieser Stelle ebenfalls hingewiesen. Nähere Infos finden Sie auf folgender Seite:
https://www.hauptorgel-basilika-wiblingen.de/konzerte/


