Tanzende Farben und Klänge

Beim Betreten der Reutlinger St.-Peter-und-Paul-Kirche fällt das Auge sofort auf die großen bunten Glasfenster im Chorraum. Sie und die Seitenfenster sind ein Werk des Künstlers Wilhelm Geyer (1900 Stuttgart - 1968 Ulm). Die Konzertreihe Taste-und-Ton widmet sich in diesem Jahr diesem bedeutenden Glasmaler.

Reflexe des Glasfensters von Geyer auf der Altarwand in St. Peter und Paul in Reutlingen
Foto: privat

Beim Betreten der Reutlinger St.-Peter-und-Paul-Kirche fällt das Auge sofort auf die großen bunten Glasfenster im Chorraum. Sie und die Seitenfenster sind ein Werk des Künstlers Wilhelm Geyer (1900 Stuttgart - 1968 Ulm). Die Konzertreihe Taste-und-Ton widmet sich in diesem Jahr diesem bedeutenden Glasmaler.

Wilhelm Geyer war ein Grafiker, Maler und Glasmaler und gilt heute als einer der großartigsten deutschen Glasmaler in Bezug auf christliche Kunst des 20. Jahrhunderts.

In über 180 Kirchen schmücken Geyers Glasfenster die Wände. Darunter ist die Liebfrauenkirche in Frankfurt, das Ulmer Münster und sogar der Kölner Dom.

Aber auch großflächige Wandmalereien, Altarbilder und graphische Zyklen sind von Geyer in zahlreichen Kapellen und Kirchen in Süddeutschland zu finden.

Mit Malerei fing Geyer auch ursprünglich an, als er 1919-1926 an der Kunstakademie Stuttgart bei Christian Landenberger und Adolf Hölzel studierte. 

Später, nach 1937, war sein Werk Teil der als „entartet” geltenden Kunst des NS-Regimes. Dies lag unter anderem auch an Geyers Verbindungen zu der Widerstandsgruppe Weiße Rose und den Geschwistern Scholl, weswegen er sich mehrere Monate in Gestapohaft befand. Nach der NS-Zeit bemühte sich Geyer um die Wiedereröffnung der Kunstakademie und wurde Vorstandsmitglied der Dt. Gesellschaft für christliche Kunst. 1954 erhielt er den oberschwäbischen Kunstpreis und 1957 die Goldmedaille bei der Biennale Venedig für den Themenbereich christliche Kunst. 1960 verlieh ihm die Landesregierung Baden Württemberg den Professorentitel.

Sein Interesse für sakrale Kunst begann schon früh durch seine enge Verbindungen zu theologischen Kreisen und seiner Auseinandersetzung mit religiösen Themen.

So wechselte Geyer im Laufe seines Lebens von der Malerei immer mehr zur Glaskunst und entwickelte die typischen Bleiglas Fenster voller leuchtender Farben, biblischen Abbildungen und figürlicher Bildsprache. Für ihn waren diese Fenster eine Möglichkeit, die Bibel zu interpretieren und für Betrachtende zugänglich zu machen, wobei sowohl das Licht als auch die Farben einen theologischen Sinn bekamen.

In Geyers Kirchen-Glasbildern sind biblische Geschichten und Bildzyklen des Kirchenjahrs zu erkennen.

In der St. Peter und Paul Kirche ist auf dem rechten Fensterband das Kirchenjahr dargestellt. Beginnend mit dem Advent, symbolisiert durch eine aus der Dunkelheit tretende Betende bis zum großen Pfingstfenster mit den Jüngern, die in einer Flamme vereinigt sind.

Das linke Fensterband zeigt die Heilsgeschichte: Vom ersten Fenster, welches Cherub vor dem Tor des Paradieses darstellt, bis zum letzten großen Fenster mit der zentralen Darstellung des Lammes aus der geheimen Offenbarung.

Die Fenster sind typisch für die sakrale Kunst in der Nachkriegszeit. Geyer schuf sie direkt zum Bau der Kirche 1958/1959 in der ihm eigenen farbintensiven und erzählerischen Gestaltung.

Sie sind nicht nur schön, sondern wirken auch als wichtiger Bestandteil der gesamten Architektur und bringen den Besuchern der Kirche durch Licht und Farbe die dargestellten Geschichten nahe.

Wilhelm Geyer schrieb selbst dazu: „In gotischer Zeit musste das Bildfenster das Bibellesen ersetzen. Nichts anderes wollen die modernen Fenster dieser Kirche.“ 

(Aliya Giebel)

Tipp: Konzerte zu den Fenstern von Wilhelm Geyer in der Reihe “Taste und Ton” in St. Peter und Paul Reutlingen