So klingt Verheißung!

Gedanken über ein Alltagsgeräusch von Johanna Beck, Redakteurin bei CHRIST IN DER GEGENWART

Orchestermusiker
Foto: Helmuth Voith

Manchmal kann man in Klängen, die man im Alltag überhört, biblische Bezüge oder sogar eine Lektion fürs (Glaubens-)Leben entdecken.

Haben Sie ein Lieblingsgeräusch? Tatsächlich gibt es zahlreiche Klänge, die für mich – aus unterschiedlichen Gründen – eine besondere Bedeutung besitzen: der erste Schrei unserer Kinder direkt nach der Geburt, Taizé-Gesänge, die Stimmen meiner Lieblingsmenschen, die Kirchenglocken an Ostern, die Musik von Heinrich Schütz… Aber daneben gibt es noch ein Geräusch, das manche vielleicht als unbedeutend oder gar nervtötend bezeichnen würden, dem meiner Meinung nach aber ein ganz besonderer Zauber innewohnt: das Einstimmen eines Orchesters kurz vor dem Beginn eines Konzertes oder einer Oper. Es ist der geradezu magische Moment, in dem alle Musikerinnen und Musiker ihr Instrument schrittweise auf den Kammerton A bei 440 Hz vereinen. Zuerst herrscht ein klangliches Durcheinander, aber nach und nach nähern sich die Töne einander an, werden harmonischer und schwingen sich schließlich ganz auf eine synchrone Basis ein. Erst dann kann das freudig erwartete Musikstück endlich beginnen.

Die meisten Menschen nutzen diese Zeit, um noch kurz mit ihrem Nachbarn zu plaudern, das Programmheft zu studieren oder einen letzten Blick auf ihr Handy zu werfen. Ich aber versuche jedes Mal, diesen Moment ganz bewusst auf mich wirken zu lassen. Für mich stellt das Einstimmen des Orchesters eine spannende klangliche Analogie zur Schöpfungsgeschichte dar. Als Gott Himmel und Erde erschafft, herrschen zunächst „Irrsal und Wirrsal“ (Gen 1,2) – so die treffende Übersetzung von Tohuwabohu bei Martin Buber und Franz Rosenzweig. Im Anschluss ordnet Gott Schritt für Schritt seine Schöpfung in Tag und Nacht, Wasser und Land, Licht und Finsternis und erschafft Tiere und Menschen. Nach sechs Tagen hat er laut Genesis das anfängliche Chaos endgültig besiegt, seine „sehr gute“ Schöpfung vollendet und kann nun am siebten Tag ruhen und sich ganz seines Werks erfreuen. Hätte dieser Schöpfungsbericht einen Klang beziehungsweise einen Soundtrack, so würde sich dieser eventuell wie das anfängliche tonale Durcheinander und das sukzessive Einschwingen der Instrumente auf den Kammerton anhören. Ich denke mir jedenfalls oft die Worte „Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal…“ dazu – wissend, dass mich am Ende etwas „sehr Gutes“ erwarten wird.

Der Einstimm-Ton ist für mich deshalb auch der Inbegriff der Vorfreude. Er kündigt an, dass gleich etwas Wunderbares geschehen wird, und lässt in mir eine wohlige Spannung ansteigen. Man fühlt sich auf einmal wieder wie ein Kind, das an Heiligabend voller Aufregung vor der Wohnzimmertür auf das „Glöckchen“ wartet, das die Bescherung einläutet. Es ist ein Zustand, der uns in einer Zeit, die von instant gratification (sofortiger Bedürfnisbefriedigung) geprägt ist, fast verlorengegangen ist – und gerade deshalb umso kostbarer ist. Durch die Verlagerung sämtlicher Lebensbereiche in den digitalen Raum, den dortigen Überfluss an Angeboten und deren dauernde Verfügbarkeit sind wir inzwischen daran gewöhnt, dass alles, was wir haben wollen, nur einen kurzen Klick weit von uns entfernt ist: Essen, neue Kleidung, die nächste Folge unserer Lieblingsserie, zwischenmenschliche Kontakte, Likes... Viele suchen nur noch den schnellen Dopaminkick. Sämtliche – durchaus sinnvolle – Zwischenschritte (wie die bewusste Zubereitung einer Mahlzeit, das Abwägen einer Anschaffung oder ein wirkliches Kennenlernen) werden auf diese Weise einfach übersprungen. Dadurch gehen allerdings wichtige Erfahrungen und Fähigkeiten wie Geduld, Warten-Können und schließlich die finale Begeisterung und der wirkliche Genuss des endlich Erreichten immer mehr verloren. Dabei wussten schon unsere Eltern: „Gut Ding will Weile haben.“ Auch die Psychologie hat inzwischen festgestellt, dass die ständige Jagd nach der instant gratification auf Dauer zu einer inneren Abstumpfung, zu mangelnder Ausdauer, zu Depressionen oder auch zu finanziellen Problemen führen kann.

Im christlichen Kontext gibt es sogar eine eigene Bezeichnung für das kostbare Gut der Vorfreude: die Verheißung. Es ist die feierliche göttliche Ankündigung eines heilvollen Ereignisses – von den Väterverheißungen im Alten Testament bis hin zur Verkündigung des Herrn im Neuen Testament –, auf die die Menschen mit Seligkeit, Hoffnung und Vertrauen auf Erfüllung antworten. Im Kirchenjahr gibt es deshalb auch gleich mehrere Anlässe, die einer zuversichtsspendenden Verheißung gewidmet sind, wie das Christkönigsfest und natürlich der Advent. In der Zeit vor Weihnachten nähern wir uns mit wachsender Vorfreude dem Heiligen Abend an, um dann besonders bewegt die Geburt des Heilands zu feiern. Insofern ist auch das langsame Einstimmen eines Orchesters nichts anderes als ein musikalisches Versprechen auf die Erfüllung von etwas Wunderbarem – sprich: ein Verheißungsklang.

Und nicht zuletzt besitzt der Akt des Einstimmens auch Vorbildpotenzial für ein christliches und kirchliches Miteinander. Wir alle bringen eine Vielfalt an Persönlichkeiten, Meinungen, Biografien oder Ansichten mit. Jeder von uns spielt sein ganz eigenes „spirituelles Instrument“ und pflegt eine individuelle religiöse Musikalität. Aber im Kern eint uns Christinnen und Christen der „Kammerton A“ – der Glaube an Gott und seinen eingeborenen Sohn Christus, der das A und O, das „Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende“ (Offb 22,13) ist. Wenn wir dieses gemeinsame Zentrum nicht aus dem Blick verlieren und uns immer wieder neu darauf einschwingen, dann können wir gemeinsam viel Gutes bewirken.

Ich möchte Sie einladen, bei Ihrem nächsten Konzertbesuch während des Einstimmens ihr Programmheft links liegen zu lassen und stattdessen einmal bewusst diesem Orchesterklang zu lauschen. Natürlich verstehe ich, wenn man die Töne auch weiterhin einfach als unangenehm empfindet. Vielleicht können Sie aber auch einen Funken Schöpfungsgeschichte, einen Hauch Advent oder eine kleine Glaubenslektion darin entdecken. Vor allem aber wünsche ich Ihnen für diesen Moment eine Extraportion Vorfreude – und dann natürlich ein umso schöneres Konzert.

Johanna Beck

ist Redakteurin bei CHRIST IN DER GEGENWART

Quelle: CHRIST IN DER GEGENWART CiG 2025, Heft 41, S. 13

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