Orgelfahrt nach Oberschwaben
Zu einer „Orgelfahrt nach Oberschwaben“ hatten die DekanatskirchenmusikerInnen der Dekanate Balingen, Rottweil und Tuttlingen-Spaichingen eingeladen. Besucht wurden die Holzhey-Orgel im Münster des Klosters Obermarchtal, die Weigle-Orgel der St.-Magnus-Kirche in Bad Schussenried und die Gabler-Orgel der Basilika in Weingarten – drei imponierende Instrumente mit zusammen zehn Manualen und 146 Registern, die von den jeweiligen 'Haus-Organisten' mit viel Fachwissen vorgestellt wurden.
Obermarchtal
Die Münsterorgel in Obermarchtal stammt ursprünglich von Johann Nepomuk Holzhey (1782 – 1784) und wurde von 2011 bis 2012 von Johannes Rohlf aus Neubulach restauriert. Die Orgel (III/43) vereint barocke und französisch-romantische Elemente. Besonderheiten sind die tiefe Stimmung (425 Hz bei 18°C) und die Vielzahl der 22 8'-Register, denen zwei 16'-, acht 4'- und fünf 2'-Register sowie fünf teilweise als 3'-Register bezeichnete Mixturen gegenüberstehen. Eine weitere Besonderheit bilden die alternativen Möglichkeiten der Windversorgung: Neben der stillgelegten Windversorgung über ein Schwungrad und dem Motor ist hier eine manuelle Balgbedienung über 6 Zugseile möglich. Das Öffnen oder Schließen der Gehäusetüren erlaubt eine „Schwellwerk-Funktionalität“. Nach einer Orgeleinführung durch Münster-Organist Gregor Simon hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, das Instrument selbst zu spielen und zu erkunden.
Bad Schussenried
KMD Matthias Wolf referierte über die Kirchengeschichte der Klosterkirche St. Magnus und wies auf die Besonderheiten hin, die durch den gemeinsamen Besitz von Kirche und Orgel durch das Land Baden-Württemberg und die Diözese Rottenburg-Stuttgart entstehen. Die 1979 von Friedrich Weigle erbaute Orgel (III/34) hat ein Gehäuse von Georg Prestel (Ravensburg) aus dem Jahr 1725. Acht Orgelregister gehören der Kirche, die übrigen dem Land; auch die Kirche selbst ist zwischen beiden Besitzern 'aufgeteilt': Während z.B. das Chorgestühl und die Wangen der Kirchenbänke in Landesbesitz sind, gehören die Kirchenbänke der Kirche; Instandhaltungs- und Wartungskosten werden anteilig zwischen den Besitzern aufgeteilt. In der Disposition der Orgel dominieren Flötenregister. Weitere Besonderheiten sind neben der Kegelladentechnik die vier freien Kombinationen der Orgel, deren Register vor allem den „süddeutschen“ Orgelbaustil vertreten. Das gemeinsame Mittagessen im Brauhaus Ott rundete den Besuch in Bad Schussenried ab.
Weingarten
KMD Stephan Debeur präsentierte die große Hauptorgel der Basilika (IV/69), die von Josef Gabler (1737 – 1750) erbaut und von 1980 – 1983 von Orgelbau Kuhn (Männedorf) restauriert wurde. Neben ihrer besonderen Architektur zeichnet sich die Orgel durch eine von Theologie, Philosophie und Zahlensymbolik inspirierte Disposition aus; so umfasst das Pfeifenwerk 6.666 Pfeifen. Naturdarstellungen wie Weinreben und in Traubenform angeordnete Glocken finden sich nicht nur in der äußeren Gestalt des Instrumentes, sondern auch in den Registern: Neben „Effekt-Registern“ wie 'Cuculus', 'Rossignol' oder 'Tympan', die Vogelstimmen und Donnergrollen imitieren, überraschen weitere Besonderheiten wie gedrechselte Holzpfeifen, Pfeifen aus Elfenbein oder die im Brüstungspositiv verbaute „Vox Humana“ mit ihrer eigentümlichen Pfeifenform.
Eine weitere Seltenheit ist das 4'-Register „La Force“ im Hauptpedal, das den 32'- und 16'-Registern durch akkustische Überlagerung eine besondere Klangfülle schenkt. Die mehrfach besetzten Streicherregister verleihen der Orgel eine tragende und zugleich weiche Klangkraft und bilden einen reizvollen Klangkontrast zu den verschiedenen Solostimmen-Registern. Neben dem 'großen' Gesamteindruck gab es auch Einblicke in versteckte Details wie einen durch eine schmale Steintreppe erreichbaren „Orgelkeller“, durch den man ans Innere des Spieltisches gelangt, oder das „Bælgzieherglœggl“ – ein im Gehäuse verbauter Registerzug zum 'aufwecken' der Kalkanten.
Das Vorbereitungsteam mit DKM Theresa Hinz (Dekanat Balingen), RK Lisa Hummel und KMD Rudi Schäfer (Dekanat Rottweil) sowie DKM Constanze Rommel (Dekanat Tuttlingen) dankte den Referenten.
Thomas Meinert


