Klangfarben und Konstruktion
Mit Feuer und Farbe wagt sich Iris Rieg an ein anspruchsvolles Unterfangen: eine Orgelschule, die Improvisation, Choralharmonisierung und Stilvielfalt gleichermaßen vermitteln will. Herausgekommen ist ein Werk, das sowohl inspiriert als auch fordert – ein Lehrbuch zwischen methodischer Strenge und künstlerischer Offenheit.
Iris Rieg: Feuer und Farbe / The Colours of Fire – Choralharmonisierung und freie Improvisation. 2 Bände, zweisprachig (dt./engl.)
Schon der erste Band macht deutlich, dass Rieg keine „Schnellrezepte“ liefern möchte. Statt einfacher Improvisationsmuster führt sie ihre Leserinnen und Leser tief in das harmonische Denken ein: Intervalle, Akkordverbindungen, Skalen – alles wird systematisch durchleuchtet und in Übungen gefasst. Das ist fachlich überzeugend, erfordert aber Konzentration und Durchhaltevermögen. Wer einen unmittelbaren Zugang zum freien Spiel sucht, dürfte sich bisweilen in der Theorie verlieren. Besonders reizvoll sind die Passagen, in denen Rieg klassische Harmoniestrukturen aufbricht und zu neuen Klangkombinationen anregt. Hier blitzt das „Feuer“ des Titels auf – die Freude am Experiment, die Lust am Klang.
Auch der zweite Band, der sich den großen Stilrichtungen von der französischen Schule bis zu Reger widmet, ist ein Fundus an Ideen. Gleichwohl geraten manche Stilanalysen recht textlastig, und nicht alle Improvisations-anregungen lassen sich ohne Weiteres in die Praxis übertragen.
Das Layout ist modern und übersichtlich, die zweisprachige Ausgabe erweitert den Leserkreis, wenngleich die englische Übersetzung an manchen Stellen etwas hölzern wirkt. Die Notenbeispiele sind zahlreich und durchdacht – ein großes Plus für das Selbststudium.
Unterm Strich ist Feuer und Farbe ein bemerkenswertes Lehrwerk, das weniger als „Anleitung“ im engeren Sinn verstanden werden will, sondern als Werkstattbuch für jene, die tiefer in die Klangarchitektur der Orgel eintauchen möchten. Riegs Ansatz ist anspruchsvoll, mitunter auch verkopft – aber stets getragen von spürbarer Begeisterung für das Instrument und seine Ausdrucksvielfalt.
Fazit: Ein inspirierendes, aber kein leichtes Lehrbuch. Feuer und Farbe richtet sich an fortgeschrittene Organistinnen und Organisten, die bereit sind, gedankliche Arbeit in ihr Improvisieren zu investieren. Für den schnellen Zugang zur freien Spielpraxis ist es weniger geeignet – als Ideenfundus und methodischer Kompass aber unbedingt empfehlenswert.
(Regionalkantor Franz Günthner)

