Innere Geschlossenheit und strukturelle Klarheit - Musik von Elfrida Andrée

Elfrida Andrée (1841–1929) wurde am 19. Februar 1841 in Visby (Gotland, Schweden) geboren. Sie wuchs in einem kulturell geprägten Elternhaus auf und erhielt früh Musikunterricht bei ihrem Vater sowie später bei namhaften Lehrern in Orgel, Klavier, Gesang und Komposition. Bereits als Kind komponierte sie erste Klavierstücke und Lieder.
1855 zog sie nach Stockholm, studierte dort weiter und legte 1857 ihr Orgelexamen ab. Da Frauen der Beruf der Organistin damals verwehrt war, wandte sie sich mit einem Gesuch an den schwedischen König – zunächst ohne Erfolg. Parallel absolvierte sie 1860 eine Ausbildung zur Telegrafistin, ebenfalls ein für Frauen unüblicher Beruf.
Erst ein zweites Gesuch führte 1861 zur Zulassung als Organistin. Sie arbeitete zunächst in Stockholmer Kirchen und wurde 1867 Domorganistin in Göteborg – eine Position, die sie bis zu ihrem Tod innehatte, also 62 Jahre! In ihren Konzerten spielte sie neben eigenen Werken vor allem Bach und Mendelssohn.

Andrée bildete sich kontinuierlich weiter, u. a. 1870 bei Niels Wilhelm Gade in Kopenhagen. 1879 wurde sie Mitglied der Königlich Schwedischen Musikakademie. Für ihre 2. Orgelsinfonie erhielt sie 1894 einen Kompositionspreis in Brüssel. Gemeinsam mit ihrer Schwester organisierte sie ab 1897 sogenannte „Volkskonzerte“, um auch ärmeren Menschen den Zugang zu Musik zu ermöglichen.
Trotz vieler Widerstände unternahm sie Konzertreisen ins Ausland; 1904 feierte sie in Dresden einen großen Erfolg. Elfrida Andrée starb am 11. Januar 1929 in Göteborg.
Zu Lebzeiten wurde sie zwar als Pionierin für Frauen im Musikberuf gewürdigt, doch nur wenige ihrer Werke wurden gedruckt und öffentlich aufgeführt. 

Eine systematische editorische und aufführungspraktische Wiederbelebung begann erst im späten 20. Jahrhundert. Besonders stark profitierte davon die Kammer- und Vokalmusik. Ihre Sinfonien und Orchesterwerke werden nur gelegentlich aufgeführt. 

Frida Andrée hat 100 Werke hinterlassen in denen der Einfluss Mendelssohns und schwedischer Volksmusik zu hören ist. Die Klangsprache Wagners ist in der 1895 komponierten Oper „Fritiofs Saga“, für die Selma Lagerlöf das Libretto schrieb, deutlich erkennbar. Diese wurde 2026 nach 132 Jahren an der Oper in Essen wieder aufgeführt. 

Die 1. Orgelsinfonie in h-Moll ist viersätzig angelegt und folgt dem klassischen sinfonischen Modell. Der erste Satz (Moderato) beginnt leise mit einem thematisch klaren Hauptmotiv in h-Moll, entwickelt sich sonatenhaft und endet in einem ruhigen Schluss. Es folgt ein Fugato – Andante lento in romantischer Klanglichkeit. Den dritten Satz bildet ein lyrische, gesangliches Cantabile. Das festliche kraftvolle Finale (Allegro giusto e maestoso) endet ruhig und wenig pathetisch. 

Die 1. Orgelsinfonie zeigt, dass Andrée die Orgel nicht nur als liturgisches Instrument verstand, sondern als Trägerin großer sinfonischer Form. Insgesamt entsteht ein Eindruck innerer Geschlossenheit und struktureller Klarheit, der stärker auf Entwicklung als auf äußeren Effekt setzt. Das Werk steht qualitativ auf einer Stufe mit romantischer Orgelmusik ihrer Zeit und ist ein bemerkenswertes Zeugnis Andrées kompositorischen Anspruchs. Die Sinfonie wurde 1994 bei Edition Reimers, und 2010 bei B-Note veröffentlicht.

Ebenso herausragend ist die 2. Orgelsinfonie in Es-Dur. Das Werk existiert sowohl in einer Fassung für Orgel und Blechbläser mit Pauken als auch in einer reinen Orgel-Version. Besonders die Besetzung mit Blechbläsern verstärkt den festlichen, klangmächtigen Charakter. Die reine Orgelfassung wurde 1990 beim Verlag Noton (Hamar, Norwegen) veröffentlicht, ist aber nur noch in Notenbibliotheken zu finden.

Kleinere Orgelwerke sind in zwei Sammelbänden „Orgelkompositioner 1+2“ im Wessmans Musikförlag (Schweden) erschienen. Sie umfassen kürzere Stücke, darunter Choralvorspiele und charakteristische Miniaturen, die musikalisch sehr empfehlenswert sind. Es gibt nur wenige Einzelausgaben. Der erste Band enthält die Werke Fuga con spirito, Cantilen, Fuga, Förspel, Sorgmarsch, Koral med variationer. Im zweiten Band gibt es weitere kleine Orgelwerke sowie Choralvorspiele. 

In den Standard-Online-Portalen wie IMSLP sind derzeit keine Orgelwerke veröffentlicht. In „Musica Femina“ findet man das Fugato der 1. Orgelsinfonie, zwei Vorspiele und Melodie in c-Moll.

(Regionalkantorin Susanne Obert)