Im Gespräch - Susanne Obert und Thomas Frey

Kirchenmusik lebt von den Menschen, die sie tragen, gestalten und weiterentwickeln. In dieser neuen Rubrik kommen Akteurinnen und Akteure der Kirchenmusik in der Diözese Rottenburg-Stuttgart zu Wort. In persönlichen Gesprächen berichten sie von ihren Wegen zur Kirchenmusik, von ihren Erfahrungen im kirchlichen Alltag und von ihren Perspektiven auf Gegenwart und Zukunft dieses vielfältigen Dienstes. Den Auftakt macht ein Doppelinterview mit Susanne Obert, seit Sommer 2025 Regionalkantorin in Backnang, und Thomas Frey, bereits seit 2024 Regionalkantor in Freudenstadt.

Thomas Frey
Foto: Dirk Schwarzer

Unterschiedliche biografische Hintergründe, Generationen und regionale Kontexte eröffnen dabei einen spannenden Einblick in die Vielfalt kirchenmusikalischer Praxis und in das gemeinsame Anliegen, Kirchenmusik als lebendigen Dienst in Liturgie, Verkündigung und Gemeindeleben zu gestalten.

 

Sie sind beide neu im Amt der Regionalkantorin / des Regionalkantors. Was hat Sie persönlich an dieser Aufgabe gereizt?

SO: Mich hat an dieser Aufgabe besonders gereizt, Kirchenmusik nicht nur punktuell, sondern in einer ganzen Region mitgestalten zu dürfen, kirchenmusikalisches Leben zu vernetzen, zu begleiten und weiterzuentwickeln. Es geht darum, Menschen zu unterstützen, Strukturen zu stärken und gemeinsam Perspektiven für die Kirchenmusik vor Ort zu entwickeln. Diese übergreifende Verantwortung macht die Aufgabe für mich besonders spannend und reizvoll.

TF: Der vielfältige Aufgabenbereich und damit verbunden, Kirchenmusik aus vielen Perspektiven wahrzunehmen und zu gestalten. Die verschiedenen Ebenen bereichern sich gegenseitig. Außerdem reizt es mich, Schüler:innen auf ihrem musikalischen Weg begleiten zu dürfen und die Freude zu teilen, wenn sie eine Schwierigkeit meistern.

Welche Eindrücke haben Sie in den ersten Monaten in Ihrer Region gesammelt – musikalisch, kirchlich, menschlich?

TF: Die Kolleg:innen und Menschen in der Gemeinde sind wunderbar herzlich – Freudenstadt liegt zwar im Schwarzwald, aber die „neigschmeckten“ Katholik:innen vor Ort sind alles andere als unnahbare Schwarzwälder:innen. Besonders freuen mich die jungen Leute und Familien in den Gottesdiensten, die ich in dieser Zahl in anderen Gemeinden eher selten erlebt habe. Wenn die kroatische Gemeinde hier ihre Jugend- und Familienfeste feiert und die „Hütte“ voll ist, ist das wirklich beeindruckend.

SO: In den ersten Monaten habe ich vor allem sehr positive menschliche Eindrücke sammeln dürfen. Die Menschen begegnen mir offen und freundlich. Ich habe mich sehr darüber gefreut, wie selbstverständlich meine Kontaktaufnahme aufgenommen wurde. Die Gespräche mit Organisten, Chorleiterinnen und Chorleitern aus dem Dekanat waren von großem Interesse und gegenseitiger Wertschätzung geprägt.
Musikalisch durfte ich eine hohe Qualität erleben, etwa in der Chorarbeit, und kirchlich spüre ich eine große Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Diese Offenheit bildet eine sehr gute Grundlage für eine lebendige kirchenmusikalische Arbeit in der Region.

Wie sind Sie zur Kirchenmusik gekommen? Gab es einen prägenden Moment oder eine Schlüsselerfahrung?

SO: Ich habe zunächst Orgel, Klavier und Schulmusik studiert und mich dann bewusst für ein Kirchenmusikstudium entschieden. Ausschlaggebend war für mich zum einen die Freude am Orgelspiel, zum anderen die Begeisterung für die Arbeit mit Sängerinnen und Sängern unterschiedlichen Alters – vom Kinderchor bis zum Erwachsenenchor.
Sehr prägend waren für mich außerdem meine musikalischen Erfahrungen als Korrepetitorin beim Bach-Chor in Stuttgart-Bad Cannstatt. Dort habe ich erlebt, wie anspruchsvolle Chorarbeit erarbeitet wird und welche Kraft im gemeinsamen Musizieren liegt.
Besonders prägend war für mich dabei die Erfahrung, wie Musik im Gottesdienst nicht nur begleitet, sondern Glauben vertieft, Gemeinschaft stiftet und Menschen auf besondere Weise berührt. Dieses Zusammenspiel von Liturgie, Musik und gemeinschaftlichem Singen hat mich letztlich auf den Weg in die Kirchenmusik geführt.

TF: Eigentlich bin ich in die Kirchenmusik hineingewachsen. Mein Papa ist (noch immer) Dorforganist seiner Heimatgemeinde, wir hatten ein Klavier und eine Digitalorgel bei uns daheim. Später ging ich dann zu den Regensburger Domspatzen und habe dort viele schöne Chorerlebnisse gesammelt. Ausschlaggebend war schließlich, dass ich von meinem Orgellehrer, der auch an der Musikhochschule unterrichtet, nach zwei Jahren nicht mehr genug kriegen konnte…

Ihre biografischen Hintergründe unterscheiden sich deutlich. Was bringen Sie aus Ihrem bisherigen kirchenmusikalischen Weg bewusst in die neue Aufgabe ein?

TF: Die Erfahrung, dass man mit Gregorianik bis Worship Menschen für Gott begeistern kann. Gute Musik kennt keine Genres!

SO: Aus meinem bisherigen Weg bringe ich vor allem eine große Erfahrung in der Aufbauarbeit und in der langfristigen Entwicklung kirchenmusikalischer Strukturen mit. Ich war 20 Jahre in Ludwigsburg tätig und habe dort die Kinder- und Jugendchöre Cantores Trinitatis, den Ludwigsburger Kammerchor sowie den Kirchenchor gegründet, aufgebaut und kontinuierlich weiterentwickelt.
Diese Arbeit hat mich sehr geprägt und mir gezeigt, dass kirchenmusikalisches Leben wachsen kann.

Freudenstadt und Backnang stehen jeweils für sehr unterschiedliche kirchliche und kulturelle Räume. Welche besonderen Chancen und Herausforderungen sehen Sie in Ihrer Region?

SO: Backnang liegt im sogenannten „Speckgürtel“ von Stuttgart und ist zugleich eines der größten Dekanate der Diözese. Dadurch treffen hier sehr unterschiedliche Strukturen und Lebenswirklichkeiten aufeinander: gewachsene kirchliche Traditionen, stark wachsende Wohngebiete und eine große Vielfalt an Gemeinden und musikalischen Situationen.
Darin liegt für mich eine große Chance. Wo viele Menschen aus unterschiedlichen Hintergründen zusammenkommen, entstehen neue Möglichkeiten für kirchenmusikalisches Leben, für Projekte und für eine lebendige Vernetzung. Gleichzeitig ist diese Größe auch eine Herausforderung: Wege sind weiter, Strukturen vielfältiger und der Austausch muss deshalb bewusst gestaltet werden.

TF: Freudenstadt liegt in der katholischen Diaspora, das bedeutet ja auch: Wenn, dann richtig. Sonst geht man unter. Dieses Engagement ist auf alle Fälle ein Schatz. Auch die Synergien mit der Ökumene sind eine wunderbare Chance, gerade die Musik verbindet die Menschen ganz leicht. Umgekehrt macht es sich in der Diaspora noch deutlich bemerkbarer, wenn es zurückgeht – dann gibt es eben niemanden mehr.

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit neben- und ehrenamtlichen Kirchenmusiker:innen vor Ort?

TF: Hier gibt es überaus engagierte Leute, die für jeden Schabernack zu haben sind. Klasse!

SO: Die Zusammenarbeit erlebe ich als sehr offen, interessiert und konstruktiv. In den Gesprächen mit Organisten, den Chorleiterinnen und Chorleitern wurde deutlich, wie groß die Bereitschaft ist, sich auszutauschen und voneinander zu profitieren.

Kirchenmusik bewegt sich zwischen Tradition und Veränderung. Wo sehen Sie aktuell die wichtigsten Aufgaben der Kirchenmusik in der Diözese?

TF: Kirchenmusik kann eine Brücke schlagen und Verbindung schaffen, untereinander und in Verbindung mit Gott. In einer Zeit, die kirchlich wie gesellschaftlich von Umbrüchen geprägt ist, ist diese pontifikale Aufgabe höchst relevant. Gleichzeitig gibt Musik jenseits aller Umbrüche Heimat, so unterschiedlich diese auch sein mag. Diese zwei Aspekte übereinander zu bringen ist die Kunst für uns heutig kirchenmusikalisch Tätige.

SO: Eine zentrale Aufgabe der Kirchenmusik sehe ich darin, Liturgie, Pastoral und musikalische Qualität eng miteinander zu verbinden. Kirchenmusik soll nicht nur begleiten, sondern das kirchliche Leben prägen, Glauben erfahrbar machen und Menschen ansprechen.
Dazu gehört es, Traditionen zu pflegen, gleichzeitig aber offen für neue Formen zu sein, Menschen auszubilden, zu fördern und kirchenmusikalische Kompetenz in den Gemeinden zu stärken.

Welche musikalischen Formen oder Formate halten Sie für besonders geeignet, um Menschen heute zu erreichen?

SO: Formate, die Gemeinschaft erlebbar machen und niederschwellig sind, halte ich für besonders geeignet: Mitsingprojekte, offene Chorangebote, musikalische Andachten, besondere Gottesdienstformen oder Konzerte. Solche Angebote können Brücken schlagen und Menschen ansprechen, die sonst vielleicht wenig Berührung mit Kirche haben.

TF: Mitmach-Konzerte (participatio actuosa ;) ), multimediale konzertante und liturgische „Events“ (mit Moderation, Licht, Bild, Raum, etc.)

Was ist Ihnen bei der musikalischen Gestaltung der Liturgie besonders wichtig?

SO: Mir ist wichtig, dass Musik die Liturgie wirklich trägt und unterstützt, nicht überlagert. Sie soll den Inhalt vertiefen, Räume öffnen und der Gemeinde helfen, sich innerlich zu beteiligen. Dabei spielt die bewusste Auswahl der Stücke ebenso eine Rolle wie ein sensibles Gespür für den jeweiligen Anlass und die Gemeinde vor Ort.

TF: Wenn Musik und Liturgie verschmelzen, entstehen diese Momente, in denen der Glaube mit (fast) allen Sinnen erfahrbar wird. Zu dieser innigen Verbindung beizutragen, liegt mir am Herzen. Liturgie und ihre Musik bedeutet darüber hinaus immer Ritual und „heiliges“ Spiel. Diesen Spielraum zu gestalten, ist mir wichtig („Standbein, Spielbein“). Davon wird häufig viel zu wenig Gebrauch gemacht.

Wo erleben Sie Kirchenmusik als geistlich besonders dicht oder berührend?

SO: Kirchenmusik erlebe ich immer dann als geistlich besonders dicht, wenn sie die Liturgie wirklich trägt – im Gesang der Gemeinde, in der Chor- oder Instrumentalmusik oder im Orgelspiel. Dabei kann sowohl festliche als auch ruhige Musik diese Tiefe entstehen lassen.
Auch im Konzert kann Musik Menschen unmittelbar berühren und einen Raum öffnen, in dem sie – manchmal jenseits von Worten – eine Ahnung von Glauben und Transzendenz erfahren.

TF: Spontan kommt mir die ein oder andere Beerdigung in den Sinn. Ich finde es berührend, wenn man spürt, wie mit der Musik die Menschen ihr Herz in die Waagschale werfen, die Gemeinschaft aufschwingt und die Musik all das ausdrückt, was Worte nicht mehr fassen können.

Welche Impulse möchten Sie in den kommenden Jahren als Regionalkantorin / Regionalkantor setzen?

TF: Ein Thema, das ich gerne in den Blick nehmen würde, ist der Liturgiegesang. Es lohnt sich, ihn einmal aus der Hinterbank hervorzuholen und kreativ damit umzugehen. Und zu zeigen, dass Gregorianik kein altes Eisen, sondern geniale Musik ist, bietet sich mit den für 2027 projektierten Choraltagen die perfekte Gelegenheit!

SO: Ich möchte vor allem den Austausch und die Vernetzung in der Region stärken. Mir ist wichtig, dass sich Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker kennenlernen, unterstützen und fachlich voneinander profitieren können.

Darüber hinaus würde ich gerne größere kirchenmusikalische Projekte auf regionaler Ebene anstoßen, bei denen Chöre zusammenkommen und Werke erarbeiten können, die für einzelne Gemeinden allein kaum realisierbar wären. Solche gemeinsamen Projekte können die Qualität stärken, Gemeinschaft fördern und kirchenmusikalisches Leben in der Region sichtbar machen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Kirchenmusik in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, besonders in Hinblick auf die Neuordnung der Gemeinden?

SO: Ich wünsche mir, dass Kirchenmusik auch in den neuen pastoralen Strukturen ihren festen Platz behält und als wesentlicher Bestandteil des Gemeindelebens wahrgenommen wird. Gerade in Zeiten der Veränderung kann Musik verbindend wirken, Identität stiften und Menschen zusammenführen. Dafür braucht es weiterhin Engagement, Wertschätzung, fachliche Unterstützung und gute Zusammenarbeit auf allen Ebenen.

TF: Ich wünsche allen kirchenmusikalischen engagierten Menschen in unserer Diözese ein flammendes Herz, auf dass der Geist in unseren Chören und Gemeinden wehe, gleich in welchen Gemeinschaften wir uns verbinden, zur Ehre Gottes und zur Freude der Menschen.

Ein Werk, das Sie zurzeit besonders gerne aufführen oder hören?

TF: Mein „Ohrwurm des Monats“ ist aktuell das Kyrie der Rheinberger Cantus Missae.

SO: Im Augenblick bleibt mir wegen mehrerer arbeitsintensiver Projekte wenig Raum für ein bestimmtes Werk. Aktuell bereite ich unter anderem ein Projekt für Orgel und Tanz mit zeitgenössischen Kompositionen vor. Eine besondere Freude für die Zukunft wäre es für mich jedoch, einmal Bachs h-Moll-Messe aufzuführen.

Orgelbank, Chorprobe oder Schreibtisch – wo sind Sie am liebsten?

TF: Auf der Orgelbank, ein selbstkomponiertes Stück spielend und Chor dirigierend? Gerne auch unterrichtend daneben.

SO: Am liebsten bin ich tatsächlich in der Chorprobe oder an der Orgelbank.

Und was machen Sie am liebsten, wenn die Kirchenmusik mal Pause hat? 

SO: Ich verbringe gerne Zeit mit meiner Familie und genieße es, in der Natur zu sein. Außerdem lese ich gerne und gehe ins Kino, ins Konzert oder in die Oper.

TF: Zeit mit meiner Familie verbringen.