Fast 75 Jahre an der Orgel: Helga Kistenfeger und ein Leben voller Musik

Seit Mai 1952 spielt Helga Kistenfeger Orgel. Anlässlich ihres 95. Geburtstags blickt sie im Gespräch mit Organistin Martina Branke und Pfarrer Robert Aubele (SE Baltmannsweiler-Aichwald im Dekanat Esslingen-Nürtingen) auf eine außergewöhnlich lange musikalische Lebensgeschichte zurück und was als kindliche Neugier begann, wurde zu einer jahrzehntelangen Aufgabe in der Kirchenmusik – geprägt von Improvisation, Verlässlichkeit, Humor und großer Liebe zur Musik.

Frau Kistenfeger an der Orgel
Frau Kistenfeger an ihrer Späth-Orgel in Baltmannsweiler. Foto: Robert Aubele

Wenn Helga Kistenfeger von ihren Anfängen erzählt, klingt vieles nach einer anderen Zeit. Nach Kriegs- und Nachkriegsjahren, nach einfachen Wegen, knappen Mitteln und großem Durchhaltevermögen. Die Musik war früh da: zuerst die diatonische Harmonika, später das Klavier, das sie zur Erstkommunion bekam – jenes Pfeiffer-Klavier, das sie bis heute begleitet. Die Orgel faszinierte sie schon als Kind. Mit etwa zwölf Jahren begann sie, erste Erfahrungen zu sammeln. Richtig geordnet war diese Ausbildung jedoch zunächst nicht. Nach 1945 hatte sie in Esslingen einen Orgellehrer, der bald keinen Unterricht mehr geben durfte. Ein weiterer Versuch endete unangenehm. Doch Helga Kistenfeger ließ sich nicht entmutigen.

Unterricht, Filderbahn und die ersten Gottesdienste

Entscheidend wurde die Begegnung mit Herrn Lorenz Lauterbach, der Kirchenmusikdirektor in Neuhausen war, und Helga Kistenfeger erinnert sich lebhaft an Unterrichtsstunden, in denen nicht nur Technik vermittelt wurde, sondern Musik lebendig wurde. Besonders schön waren für sie jene Momente, in denen Lauterbach eigene Kompositionen vorspielte. Wo er Posaunen oder Trompeten zur Orgel einsetzten wollte, ahmte er sie mit dem Mund nach – eine Mischung aus Können, Begeisterung und Fantasie, die Eindruck hinterließ.

Zum Unterricht fuhr sie von Esslingen nach Neuhausen mit der Filderbahn, vorbei an Wiesen und Feldern. Sie erinnert sich daran, wie die Hühner vor dem Zug davonliefen – ein Bild, das heute fast unwirklich wirkt. Angekommen in Neuhausen hatte sie Unterricht an der Walcker-Orgel in St. Peter und Paul. Wann immer es ihr möglich war, spielte sie, lernte dazu und half aus, wo sie gebraucht wurde.

Als die Organistin Edeltraud Ott, die bisher in den Esslinger Filialgemeinden gespielt hatte, ins Kloster ging, rückte Helga Kistenfeger nach. So begann im Mai 1952 ihr regelmäßiger Dienst an der Orgel. Berkheim war oft die erste Station am Sonntagmorgen, danach ging es weiter nach Schanbach, Hegensberg oder Zell. Gefahren wurde mit dem Pfarrer, zunächst mit dem Taxi, später im eigenen Auto. Manchmal musste sie früh ins Pfarrhaus laufen, wo die Fahrt begann. Einmal verschlief sie und rannte nach Berkheim – rechtzeitig kam sie nur deshalb noch an, weil vor der Messe Beichtgelegenheit war. „Das waren noch Zeiten“, sagt sie heute.

Kirchenmusik zwischen Pflicht, Freude und Familie

Nach ihrer Heirat hörte Helga Kistenfeger zunächst auf, regelmäßig Orgel zu spielen. Sie wollte mit ihrem Mann zusammen im Gottesdienst sitzen und zur Kommunion gehen – nicht er unten in der Kirche und sie oben auf der Empore. Doch ganz ließ die Musik sie nicht los. In Oberesslingen half sie weiter aus, wenn jemand gebraucht wurde.

Als die Familie 1977 nach Aichwald-Schanbach zog, kam die Anfrage von Pfarrer Elmar Hölzle. Er kannte sie schon aus früheren Jahren und brauchte jemanden für Aichelberg. Ihr Mann war zunächst nicht begeistert. Helga Kistenfeger bat den Pfarrer, einmal mit ihm zu sprechen. Viel Überzeugungsarbeit brauchte es offenbar nicht: Hölzle sei hereingekommen, habe „Grüß Gott“ gesagt – und damit sei klar gewesen, dass sie wieder spiele. Per Handschlag war die Sache beschlossen.

Zunächst spielte sie vier oder fünf Jahre in Aichwald-Aichelberg, später auch in Aichwald-Aichschieß und Baltmannsweiler. Nicht überall standen Pfeifenorgeln; oft waren es elektronische Ahlborn-Orgeln. In Baltmannsweiler wurde erst 1986 eine gebrauchte Orgel aus Backnang angeschafft. Offizielle kirchenmusikalische Kurse gab es für Helga Kistenfeger nicht oder sie waren im Alltag schlicht nicht machbar: kleine Kinder, kein Auto, wenig Geld. Erst im Ruhestand nahm sie sich noch einmal Zeit für Unterricht bei Peter Lauterbach.

Mit der Gemeinde atmen lernen

Wer über Jahrzehnte Gottesdienste begleitet, weiß: Kirchenmusik besteht nicht nur aus Noten. Sie hat mit Räumen, Gewohnheiten, Akustik und vor allem mit Menschen zu tun. Helga Kistenfeger kennt die Unterschiede zwischen Gemeinden. Manchmal singen die Menschen zögerlich, manchmal kräftig, manchmal halten sie Pausen anders ein als das Orgelbuch es vorsieht. Besonders mit dem neuen Gotteslob von 2014 musste sie sich an manche Veränderung gewöhnen. Ärgerlich fand sie, wenn bekannte Lieder plötzlich andere Texte, andere Melodien oder andere Pausen hatten. Einmal sang die Gemeinde beharrlich in die Pausen hinein – bis sie nach der Messe feststellte, dass im Gesangbuch tatsächlich andere Pausen standen als im Orgelbuch.

Solche Erfahrungen erzählen viel über ihre Haltung: Sie nimmt die Aufgabe ernst, bleibt aufmerksam und lernt weiter. Lieblingslieder hat sie mehrere. Besonders gern nennt sie „Bleibe bei uns, du Wandrer durch die Zeit“ (GL 325). Gleichzeitig ist sie pragmatisch. Wenn ein alter Orgelsatz besser lesbar ist oder musikalisch besser passt, greift sie auch darauf zurück. Das rote Orgelbuch mit dem matteren Papier und dem klareren Druckbild ist ihr oft lieber als neuere Ausgaben.

Chor, Kirchenband – und ein Spiegel Richtung Dirigenten

Lange begleitete Helga Kistenfeger nicht nur den Gemeindegesang, sondern auch Chöre und Instrumentalisten. Anfangs wurden für größere Choreinsätze oft auswärtige Organisten geholt. Bei der Primiz von Christoph Schmitz 1989 änderte sich das: Gesungen wurde die Krönungsmesse von Mozart, und Helga Kistenfeger bekam zunächst nur die Orgelnoten. Sie kaufte sich zusätzlich die Partitur und trug sich ein, wann der Chor sang und wann sie einsetzen musste. Es klappte – und von da an durfte sie den Chor begleiten.

Nicht immer waren die Bedingungen ideal. Bei einem Auftritt stand der Chorleiter hinter ihr; sehen konnte sie ihn nicht. Also achtete sie auf sein Atmen. Später baute ihr Mann einen Spiegel, damit sie den Dirigenten besser im Blick hatte. Ihr Mann war überhaupt eine wichtige Hilfe. Er spielte Gitarre, konnte zwar keine Noten lesen, half aber zuverlässig beim Umblättern und Registrieren. „Das hat immer geklappt“, sagt sie noch heute staunend.

Auch mit Instrumentalisten musizierte sie häufig: mit Klarinette, Flöte, Trompete und Bläsern, besonders an Weihnachten und Ostern. Manchmal schrieb sie Stücke um oder suchte neue Literatur. Aus dem kirchlichen Umfeld heraus entstand sogar eine kleine musikalische Gruppe für Feste: mit Gitarre, Klarinette, Bassgitarre und Helga Kistenfeger am Klavier. Begonnen hatte das eher zufällig beim Fasching als „Kirchenband“, später spielte man bei Gemeindefesten wie dem Bonifatiusfest. Märsche, Stimmungslieder und Kirchenmusik – bei ihr gehörte vieles zusammen, solange es Menschen zum Singen und Feiern brachte.

Kirche im Wandel

Helga Kistenfegers Zeit an der Orgel umfasst große Veränderungen in der Kirche. Sie erinnert sich noch an Gottesdienste, in denen der Priester mit dem Rücken zur Gemeinde zelebrierte und vieles auf Latein gesungen wurde. Sie besaß einen Schott mit deutscher und lateinischer Seite. Aus dieser Zeit blieb ihr so viel Kirchenlatein, dass sie später ihrem Sohn beim Lateinlernen manchmal helfen konnte. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil änderten sich Sprache, Ablauf und liturgische Formen. Der Priester wandte sich der Gemeinde zu, deutsche Texte wurden selbstverständlich, neue Elemente kamen hinzu.

Auch die Gesangbücher wechselten: vom Rottenburger Gesangbuch über das Gotteslob von 1975 bis zur neuen Ausgabe von 2014. Für Organistinnen und Organisten bedeutete jeder Wechsel neue Nummern, neue Sätze, neue Tonarten und manchmal Überraschungen. Einmal spielte ein Klarinettist aus einer anderen Ausgabe als sie – und plötzlich passten die Tonarten nicht zusammen. Danach wurde genauer geprüft. Solche Anekdoten zeigen, wie viel unsichtbare Vorbereitung hinter einem scheinbar selbstverständlichen Gottesdienst steckt.

Musik über die Orgel hinaus

Helga Kistenfeger war nie nur Organistin. Sie spielte auch Klavier, Harmonika und später Akkordeon. Ein Akkordeon wünschte sie sich schon früh, doch Krieg und Geldmangel verhinderten es. Erst als sie selbst verdiente, kaufte sie sich eines, nahm Unterricht in Oberesslingen und spielte später viele Jahre im Akkordeonorchester Baltmannsweiler. Bei internationalen Wettbewerben in Innsbruck, beim Coup d’Europe, war sie dabei, als das Orchester große Erfolge feierte. Wenn Baltmannsweiler spielte, sei der Saal voll gewesen. Für sie waren diese Reisen eine schöne Zeit – mit Musik, Gemeinschaft und Eindrücken, die blieben.

Mit 70 Jahren hörte sie im Akkordeonorchester auf. Nicht, weil sie nicht mehr spielen konnte, sondern weil sie Auftritte sehr nervös machten und daneben weiterhin der Orgeldienst blieb. Auch an der Orgel kannte sie Nervosität, besonders am Anfang. Doch mit der Zeit fand sie mehr Ruhe. Entscheidend war für sie nie der äußere Titel. „Ich war nicht C, ich war gar nichts“, sagt sie über ihre fehlende offizielle kirchenmusikalische Einstufung. Gespielt habe sie nicht wegen des Geldes. „Mir hat es halt Spaß gemacht.“

Ein Leben, das viele Töne kennt

Auch beruflich führte ihr Weg nicht geradeaus. Eigentlich wollte Helga Kistenfeger Lehrerin für Fremdsprachen werden. Nach dem Krieg besuchte sie eine Dolmetscherschule, musste aber aus Geldgründen abbrechen. Später erwarb sie die Mittlere Reife, hätte gern weitergemacht, doch das Schulgeld war für die Familie nicht zu tragen. Schließlich begann sie eine kaufmännische Lehre und kam in den Export. Dort konnte sie Englisch und Französisch anwenden, später auch Spanisch. Sprache und Musik – beides zieht sich durch ihr Leben als Fähigkeit, Menschen miteinander zu verbinden.

In der Familie blieb die Musik ebenfalls präsent: Klavier, Akkordeon, Querflöte, Geige, Trompete – viele Instrumente tauchen in ihren Erzählungen auf. Nicht alle blieben dabei, aber Musik gehörte dazu. Und Helga Kistenfeger selbst blieb über Jahrzehnte verlässlich auf der Orgelempore, in Filialkirchen, bei Chören, Festen, Hochfesten und Beerdigungen. Auch mit ihren 95 Jahren lässt sie es sich nicht nehmen, die Werktagsmesse donnerstags in Baltmannsweiler an der Orgel zu begleiten und freitags die Gottesdienste von Pfarrer Aubele im Altersheim in Schanbach am Klavier. Selbst an Samstagen und Sonntagen übernimmt sie Vertretungsdienste im Gemeindegottesdienst.

Bald sind es 75 Jahre seit jenem Mai 1952, der auf einer kleinen Erinnerungskarte festgehalten ist: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort!“ Der Satz passt auf eigene Weise zu diesem langen Dienst. Helga Kistenfegers Geschichte ist keine Geschichte großer Selbstdarstellung. Es ist die Geschichte einer Frau, die da war, wenn sie gebraucht wurde; die spielte, begleitete, übte, suchte, improvisierte und weitermachte. Eine Geschichte von Treue zur Musik, zur Gemeinde und zu einer Aufgabe, die sie fast ein ganzes Leben lang getragen hat.

Martina Branke, Organistin
Robert Aubele, Pfarrer