Die reichhaltige Musikkultur Oberschwabens
Wer an Musik in Oberschwaben denkt, dem fallen vermutlich hauptsächlich die im 18. Jahrhundert entstandenen, prächtigen geistlichen Werke ein, komponiert von begabten Mönchen aus oberschwäbischen Klöstern.
Dass Oberschwaben bereits im Mittelalter eine musikalische Hochblühte erlebte, in der Renaissance namhafte Komponisten hervorbrachte und einen Höhepunkt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erlebte, stand bisher im Schatten der norddeutsch-protestantischen Musikkultur. Der Autor hat sich seit Jahrzehnten durch eine Vielzahl von regionalgeschichtlichen Publikationen wie auch durch die musikpraktische Umsetzung seiner Funde einen Namen gemacht und zieht mit vorliegendem Buch die Summe seiner Forschungen.
Das von Stefan Morent herausgegebene, 600-seitige Buch gliedert sich in zwei Großabschnitte. Der erste Abschnitt beschreibt stil- und gattungsgeschichtliche Komponenten Oberschwabens im Spiegel der Musikgeschichte. Im zweiten Abschnitt wird in drei Kapiteln als erstes die Musik in oberschwäbischen Klöstern, als zweites die Musik in oberschwäbischen Schlössern, und im dritten Abschnitt die Musik in Städten und Dörfern beschrieben.
In der Einleitung skizziert Büchele Oberschwaben als historisch-geografischen Raum sowie die Problematik der Musikgeschichtsschreibung der Region. Als Beispiel nennt Büchele die zu Beginn des 20. Jahrhunderts einsetzende Orgelbewegung, die die protestantische Orgelmusik nördlich von Oberschwaben als barocke Orgelmusik schlechthin betrachtete, ohne das große Repertoire oberschwäbischer Orgelmusik überhaupt zu erwähnen. Auch in Lexika und auf dem Musikmarkt seien die Musik und ihre Komponisten Oberschwabens unterrepräsentiert.
Der erste Teil beginnt mit dem Forschungsstand und den -zielen. Als Desiderata nennt Büchele die noch kaum erforschte Renaissance, den fehlenden gattungsgeschichtlichen Überblick des Barock sowie die Erforschung der Zusammenhänge zwischen Säkularisation und Mediatisierung.
In gut lesbaren Duktus eröffnet Büchele dem Leser ein umfassendes Kompendium zur Musikgeschichte Oberschwabens, wobei der Text durch zahlreiche Bilddarstellungen und Notenbeispiele ergänzt wird. Beginnend im Mittelalter bis hinein ins 21. Jahrhundert wird der Leser durch die verschiedenen Epochen geführt, wo ihm zugleich Einblicke in die verschiedenen Gattungen der jeweiligen Epoche gewährt werden. Am Ende der Ausführungen der jeweiligen Epochen folgen zahlreiche Kurzportraits von Komponisten sowie Informationen zu deren Wirkungsorten. An seiner Wertschätzung der oberschwäbischen Komponisten lässt Büchele nirgends Zweifel aufkommen, wie die Vergleiche mit Mozart und Haydn zeigen. Die Klöster standen ab 1500 unter dem Einfluss der führenden europäischen Musikzentren, und brachten zum Teil Komponisten hervor, die sich, so der Autor, „mit den ganzen großen Namen messen“ lassen konnten. Einblicke in die Notenbibliotheken zeigen, dass die Klöster zu allen Zeiten in Kontakt mit großen Komponisten ihrer Zeit standen. So wurden Werke von Joseph Haydn oder Opern Mozarts an verschiedenen Höfen wie in Donaueschingen und in Klöstern aufgeführt. Büchele berichtet auch von volksnahen musikalischen Praktiken. Eine in allen Epochen bedeutsame Gattung war die der szenischen Sing- oder Theaterspiele, in denen die Nähe zum einfachen Volk so zum Ausdruck gebracht wird, etwa wenn man in Schussenried Adam und Eva als schwäbisches Bauernpaar auftreten ließ und entsprechend schwäbisch singen ließ. Eine Arie der Eva beginnt beispielsweise mit den Worten: „O Jeggerle“.
Im zweiten Großkapitel wird die Musikkultur der verschiedenen Klöster, Schlösser und Städte porträtiert. Der Aufbau folgt jenem des vorherigen Kapitels. Der geschichtlichen Darstellung folgen Kurzportraits des an Höfen und Klöstern wirkenden Komponisten.
Dabei gibt es Kurioses wie auch Volksnahes zu entdecken. Wer glaubt, dass das Komponieren ausschließlich Männerangelegenheit war, sieht sich getäuscht, denn es gab auch Frauenorden, an denen ehrgeizige Komponistinnen beziehungsweise Musikerinnen wirkten. Beispielsweise wird aus dem Kloster Löwenthal berichtet, dass die Nonnen durchaus in der Lage waren, vierstimmig (SATB!!!!) zu singen.
Daran schließt sich ein umfassender Abschnitt über die Musik in oberschwäbischen Schlössern an.
Die oberschwäbischen Höfe waren zum Beispiel kaum mit eigenen Komponisten gesegnet, so dass man auf Komponisten aus den umliegenden Klöstern angewiesen war. Dadurch ergab sich Gelegenheit, in Kontakt und Austausch mit bedeutenden Komponisten zu treten. So wurde beispielsweise die Musik Mozarts am Hofe in Donaueschingen sehr geschätzt und häufig gespielt. Im darauffolgenden Kapitel wird die Musikgeschichte einiger Städte porträtiert, die belegen, wie reichhaltig das Musikleben dort war und noch ist. Auch konfessionelle Gründe spielten in der Musikgeschichte einer Stadt wie Ravensburg, in der die katholische wie auch die evangelische Kirchenmusik eigene Traditionen pflegten. Es gab Sängerknaben, Spielleute, Türmer, nicht zu vergessen die weltlichen Vereinigungen. Den Portraits über die Musikkultur in Städten folgen noch ein Kapitel über das Musikleben in den Dörfern, das bisher kaum dokumentiert ist. Sehr interessant ist der klingende Streifzug durch die Geschichte Oberschwabens im Spiegel seiner Lieder, in dem unter anderem Lieder aufgelistet werden, in denen die jeweiligen politischen Situationen teilweise kritisch besungen werden (Bauernkrieg 1525).
Es gäbe noch viel mehr zu berichten und man staunt einerseits über die Menge an Informationen, die Berthold Büchele zusammengetragen hat und andererseits darüber, welch reichhaltige Musikkultur Oberschwaben hervorbrachte. Bücheles auch durch detaillierte Anhänge einschließlich Bibliografie, Verzeichnis von Noteneditionen und Tonträgern und nach Orten und Personen gegliedertem Register sehr nützliches Buch sollte in jeder Bibliothek und aufgrund seiner zahlreichen Anregungen bei allen aktiven Musikerinnen und Musiker im Regal stehen.
(Dekanatskirchenmusiker Dr. Andreas Weil)
Mit freundlicher Genehmigung der Gesellschaft für Musikgeschichte in Bande-Württemberg e.V.


