Die neue Trefz-Orgel in Allmendingen

„Musik drückt aus, was nicht gesagt werden kann und worüber es unmöglich ist, zu schweigen.“ Dieser Satz des französischen Schriftstellers Victor Hugo, der im 19. Jh. lebte, soll den Betrachtungen zur Disposition und Klanglichkeit der neuen Trefz-Orgel in Allmendingen voranstehen.

Denn er bringt wunderbar die Schwierigkeit zum Ausdruck, dass wir Klänge und damit Musik im Letzten nur empfinden können, diese sich jeglichem Verbalisieren entziehen; und dennoch gilt es, am Ende eines langen Weges, der von der ersten Idee über verschiedene Konzepte bis zur Fertigstellung und Einweihung der Orgel ging, ein paar Worte zu verlieren, um das Ohr auf die ein oder andere Nuance und Besonderheit zu lenken.

Bei so manchem mag die Neugierde auf die ersten Klänge in der Kirche groß sein – zu Recht, denn die Erwartungen an die Neue sind groß, genauso groß wie die Mühen des Intonateurs, in einem akustisch schwierigen Umfeld wie der Allmendinger Pfarrkirche wunderbare Töne zu kreieren. Doch soviel sei verraten: Die neue Orgel wird Präsenz im Kirchenraum haben – dies liegt unter anderem an der Verteilung der einzelnen Teilwerke, bei der das Hauptwerk mit dem klanglichen Rückgrat zuvorderst in der Brüstung platziert wurde. Sie wird nicht nur Kraft entfalten, sondern auch zarteste Klänge in das Gewölbe schicken – die Disposition hält dafür standfeste Register wie die Trompete im Hauptwerk einerseits und andererseits eine ätherische Aeoline, die bei geschlossenem Schwellwerk wie aus einer anderen Sphäre zu kommen scheint, parat. Und sie ist voller Poesie – die Flöten und Streicher werden um die Gunst der Spieler (und Hörer) in einen Schönheitswettbewerb eintreten.

Fortan werden lebendige Klänge zu hören sein, unaufdringlich, aber doch sehr vernehmlich. Sie werden das Leben all derer bereichern und mit gutem Geist erfüllen, die sie hören, sich darauf einlassen oder vom Spieltisch aus hervorzaubern.

Volker Linz

 

 

Foto: Steffi Schäfer

 

Disposition:

Hauptwerk − Manual I C – g3

Principal 8’ Prospekt

Bordun 8'

Quintadena 8’

Octav 4’

Spitzflaut 4’

Nazard 2 2/3’

Superoctav 2’

Tertia 1 13/5’

Mixtur IV 1 1/3’

Trompette 8’

Tremulant

 

Schwellwerk − Manual II C – g3

Flauto dolce 8' Prospekt

Viola 8’

Aeoline 8’ C-H gem. mit Viola

Fugara 4’

Flaut travers 4’

Flageolett 2’

Progressio II-III

Hautbois 8’

Tremulant

 

Pedalwerk C - f’

Subbaß 16'

Gedecktbass 8’

Octavbass 8’ Prospekt

Octav douce 4’

Posaune 16’ Becher: Holz

Koppeln

I - P

II - P

II - I

II - I 16’

Zusatzregister: Zimbelstern (im Pedalprospekt sichtbar)

Registrierhilfen: Choralpleno (HW)

Winddruck: HW/SW 73 mm WS, Ped 88 mm WS

Stimmtonhöhe: a’ = 441 Hz bei 18°C

Temperierung: Trefz I (leicht ungleichstufig, angelehnt an Cavaillé-Coll)

 

Die Orgel im Detail

Der Fertigstellung und Einweihung der neuen Orgel in der Allmendinger Pfarrkirche ging ein langer und grundlegender Findungsprozess voraus, nicht nur bezüglich der Auswahl der Orgelbaufirmen, die zur Angebotsabgabe aufgefordert wurden, sondern und vor allem auch bezüglich der Konzeption der Orgel, die einerseits die Aufstellung an der Kirchenrückwand ausschließt (und damit die Fehler des Vorgängerinstrumentes vermeidet) und andererseits Raum auf der Empore für Chöre und Instrumentalensembles schafft. Beides ist Herrn Trefz mit seinem Konzept überaus gelungen - das Hauptwerk mit den tragenden Stimmen befindet sich als „Ohr zur Gemeinde“ in der Brüstung, Schwellwerk und Pedalwerk stehen seitlich „auf Sturz“. Während das Hauptwerk als das vordergründige Werk im Kirchenraum wahrnehmbar ist, sind die anderen beiden Teilwerke zwar auch präsent, aber doch deutlich hintergründiger. Die Stufenkonstruktion, die die Aufstellung für Musikgruppen ermöglicht, wurde von Herrn Trefz geplant, jedoch bauseitig ausgeführt. Sie beinhaltet neben der Trakturführung auch im hinteren Bereich die Windversorgung (Gebläse, Schwimmerbälge). Alle drei Teilwerke haben zusätzlich noch einen Stoßbalg, sodass die Windversorgung nicht starr, aber doch ausreichend stabil ist. Dies ist bei einer Disposition mit vielen Grundstimmen und einer 16’-Koppel durchaus wichtig.

Die Prospektgestaltung ist bewusst schlicht und zurückhaltend und fügt sich dadurch unaufdringlich (Nadelholz, mit weißpigmentiertem Hartöl behandelt) und nahtlos in die Raumschale ein.

Besondere Erwähnung findet in diesem Zusammenhang der freistehende Spieltisch - funktional, elegant und durch den Kontrast von schwarzem Holz und weißpigmentierten Flächen sehr geschmackvoll und besonders. Durch die übersichtliche Anordnung der Registerzüge in zwei Staffeleien links und rechts der Manualklaviaturen und die Ausführung der Koppeln als Züge können sich auch Gastorganisten sehr schnell zurechtfinden.

Das Klangkonzept trägt deutlich romantische Züge und greift dadurch die Entstehungszeit des Kirchenschiffes zu Beginn des 20. Jh. auf. Fein abgestufte Grundstimmen im 8’-Bereich von der Aeoline (als leisester Klangfarbe im geschlossenen Schweller) bis zum tragfähigen Principal im Hauptwerk, kraftgebende Zungenstimmen und vergleichsweise hohe Winddrücke realisieren diese Klangvorstellung von OBM Trefz, der die Orgel intoniert hat. Im Mischen der Register miteinander entstehen ungeahnte, unerhörte und vielfältige Möglichkeiten; die Orgel jedenfalls will entdeckt werden.

Volker Linz