Bezüge und Brechungen
Es soll sie ja noch geben, die Perlentaucher; noch nicht ganz zufrieden mit den üblichen, gutklingenden englischen Sahnstückchen, den soliden Präludien oder romantischen Romanzen suchen sie Klänge, die die übersättigten Ohren öffnen. Klänge die lauschen lassen und nicht vorzeitig beim zu Erwartenden zufrieden stranden. Für sie hätte ich da ´was: „Das ist der Tag. 12 Inventionen für Orgel" von Jürgen Essl.
Man kann die pdf-Noten bei Jürgen Essl, Orgelprofessor an der Musikhochschule in Stuttgart, auf seiner Homepage herunterladen – oder aber auch für 20 € bestellen.
https://www.juergen-essl.de/images/pdfs/Essl_Das%20ist%20der%20Tag_final_online.pdf
Der Titel "Inventionen" lässt an Bach Lehr- und Kunstwerk denken. Und mit feinen Bezügen in die Musikgeschichte spielen die Stücke allesamt. Es gibt Reminiszenzen an die französische Orgeltradition (Plein jeu des temps passés, Duo, Arabesque) und auch ansonsten freundliche-augenzwinkernden Grüße in die musikalische Vergangenheit (Pastorale, Lied). Durch die Brechungen schlägt Jürgen Essl funken aus vermeintlich verstaubten Gattungen. Im Lied etwa umschweben sich die beiden Melodien (Pedal und rechte Hand) in kunstvoller Ungleichzeitig wie zwei Zierfische, manchmal umwölkt von aufgewirbeltem Akkord-Sediment.
Essls „Orgelpunkt“ legt ganz gegen dessen Art alles Statische ab, und „Slow down your life“ erinnert mit den Voix-céleste-Schleiern von fern an eine Elevationstoccata, die einen in knapp 4 Minuten unweigerlich tiefenentspannt zurück lässt.
Das titelgebende „Das ist der Tag“ zitiert das entsprechende Lied (GL 329) in einem Perpetum mobile/eie Toccata und ist das technisch wohl anspruchsvollste Stücke der Sammlung. Viele Stücke sind aber gut auch mit überschaubarem Übaufwand zu meistern oder für Routiniers gar vom Blatt zu spielen. Eine große Orgel braucht man nicht unbedingt, die meisten Registrierungen sind ebenso gut auf kleineren Instrumenten realisierbar. Und zu den meisten Stücken fällt einem auch gleich eine liturgische Verwendung ein: ob zur Kommunionausteilung, als Ein- oder Auszugsmusik oder Meditation zur Gabenbereitung.
Eine Besonderheit sind die in dem Notenheft wiedergebenen Bilder von dem Stuttgarter Künstler Johannes Rave, die seinem Zyklus „Oceans and Jewels“ von 2024 entstammen. Essl grüßt seinen Künstlerkollegen mit dem doppeldeutigen Titel „Salve R“ - Regina oder Rave? Jedefalls erkennt man auch die Festtagsvariante des „Salve Regina“.
Johannes Rave schreibt auf seiner Internetseite zu seinem Werkzyklus: „Die Ozeane sind die Juwelen der Erde. Die Bilder beschreiben sowohl das Blau der Meere wie auch das Leuchten von Edelsteinen.“
https://www.johannesrave.de/12141285/oceans-jewels
„Juwelen“, „Edelsteine“ - als würde er von Essls Stücken sprechen.
KMD Reiner Schulte


