Arvo Pärt – Musik, die berührt und verbindet
Überlegungen und Anregungen zur Einbindung in die liturgiemusikalische Praxis
von Regionalkantor Tobias Wittmann
Vor wenigen Wochen, am 11. September, hat der estnische Komponist Arvo Pärt (*1935) seinen 90. Geburtstag gefeiert. Zahlreiche Konzerthäuser, Rundfunk- und Fernsehsender, Zeitungen und Zeitschriften haben dies zum Anlass genommen, einen besonderen Fokus zu richten auf den Menschen, Komponisten und seine Musik, die bis heute einzigartig und unnachahmlich bleibt, die Menschen mit ganz unterschiedlichen musikalischen Hörgewohnheiten auf der ganzen Welt berührt und bewegt. Einige Facetten der Musik von Arvo Pärt kommen in allen Berichten zum Ausdruck: das unverwechselbar Persönliche seiner Klangsprache, deren Schlichtheit, Stille und Spiritualität.
Arvo Pärt braucht nur wenige Töne. Mit diesen aber bringt er das Wesentliche zum Klingen.
Mit seiner Musik scheint er einen Nerv unserer Zeit zu treffen, dem Immer-Mehr und Immer-Lauter einen anderen Weg gegenüber zu stellen. Einen Weg, der in die Reduktion und Verinnerlichung führt.
Arvo Pärt beschreibt das so: "Ich habe entdeckt, dass es genügt, wenn ein einziger Ton schön gespielt wird. Dieser Ton, die Stille oder das Schweigen beruhigen mich. Ich arbeite mit wenig Material, mit einer Stimme, mit zwei Stimmen."
Trotz der gewissen 'Einfachheit' sind viele seiner Werke durchaus anspruchsvoll zu musizieren. Es finden sich jedoch auch Stücke, die zumindest spieltechnisch und aufführungspraktisch keine gehobenen Herausforderungen an die Interpretierenden stellen und die sich gezielt im kirchenmusikalischen Kontext einbinden lassen. Exemplarisch möchte ich eine Auswahl davon hier vorstellen und einige Anregungen und Impulse für deren Verwendung anführen.
Wenngleich spiel- und aufführungstechnisch leicht umsetzbar, wird es für eine überzeugende musikalische Darstellung vor allem darauf ankommen, sich für den Geist und die innere Haltung dieser Musik zu öffnen und darauf einzulassen. Das Äußere loszulassen. Weniger zu tun, mehr geschehen zu lassen – und zu lauschen.
Für Alina (Klavier)
Das Klavierstück Für Alina ist das erste, das Arvo Pärt 1976 in seiner damals neuen Klangsprache, dem sogenannten Tintinnabuli-Stil (lat. Glöckchenspiel) schrieb. Was dieses Stück so bemerkenswert macht: es entstand nach acht Jahren einer kompositorischen und existenziellen Krise von Arvo Pärt, in denen er sich von den Techniken der Zwölftonmusik und des Serialismus abwandte und zu seinem persönlichen Stil fand, der bis heute alle seine Werke prägt.
Acht Jahres des Schweigens. An deren Ende Für Alina – ein Neubeginn.
Wenige Töne, ohne Takt und ohne vorgegebenen Rhythmus. Nur eine Spielempfehlung: „Ruhig, erhaben, in sich hineinhorchend“. Das Stück kann beliebig oft wiederholt werden. Es geht hier weniger um große Entwicklungen, sondern um die Wirkung und Schönheit jedes einzelnen Tones. Musik, die nach innen lauscht.
Vielleicht lässt sich eine besondere liturgische Situation mit diesen Klängen begleiten. Eine Zeit der Besinnung und Meditation, ein Licht- oder Weihrauchritual oder die Kommunionausteilung. Vielleicht kann es an Stelle des Psalms zwischen den biblischen Texten stehen, vielleicht im Rahmen eines Abendlobs oder Nachtgebets in die Stille führen.
Eine Aufnahme mit der portugiesischen Pianistin Joana Gama:
https://youtu.be/0R2nT0RBfPE?si=id9-8GcvaPTMjqD4
Trivium (Orgel)
Der Titel des dreisätzigen Orgelwerks bezieht sich auf das Trivium der antiken Artes liberales. Die freien Künste der Antike stellen verschiedene Wege dar, die hinführen zu einem Ziel – der Wahrheit. Wäre das nicht ein Thema, über das es sich nachzudenken lohnt? Vielleicht kann ein Impuls über das Wahre und Wesentliche, über verschiedene Wege zur Wahrheit, über die eigene, persönliche Wahrheit oder über das christliche Verständnis von Wahrheit von diesem Orgelwerk gerahmt werden. Wieso nicht auch das gesamte Stück mit seinen drei Sätzen zweimal spielen…!? Bei jedem erneuten Hören lassen sich neue Facetten entdecken.
Das Werk besteht aus drei Abschnitten, die eine schlichte Melodie in verschiedener Form verarbeiten. Es lässt sich auch auf kleinen Orgeln gut realisieren. Die beiden filigranen Außensätze rahmen einen klangvollen akkordischen Mittelteil im Plenum, der ein sinnliches Klangerlebnis darstellt, eine körperliche Resonanz.
Eine Aufnahme mit Lorenzo Ghiemi:
https://youtu.be/tdZMe-QvKhI?si=a-6IXttM0D9Kz5C6
Vater unser (Knabensopran, Solist:in, Kinderchor)
Kaum ein anderes christliches Gebet wird öfter gesprochen und gesungen als das Vater uns. Die Vertonung von Arvo Pärt aber öffnet einen neuen Zugang zu den vertrauten Worten. Der solistische Gesang einer klaren, hellen und unbeschwerten Knabenstimme (natürlich kann es auch eine Mädchenstimme oder ein(e) Solist:in sein) ist ausgesprochen bewegend und anrührend. Welch eine Chance, um wieder neu hinzuhören auf die bekannten Worte und sie in einer größeren Tiefe und Tragweite zu erfahren. Ob in der Eucharistie, im Stundengebet, Abendlob oder Evensong, einem geistlichen Konzert, bei einer Taufe, Trauung oder Trauerfeier – all diesen Riten und Formen erhalten durch Arvo Pärts innige Vertonung des Vater unser eine besondere Nuance.
Auch für einen Kinderchor eignet sich dieses Stück, daher ist es auch im Freiburger Kinderchorbuch (Band 2, Carus-Verlag) abgedruckt.
In dieser Aufnahme aus dem Vatikan spielt Arvo Pärt selbst am Klavier:
https://youtu.be/c4Lwf_HJens?si=S8PDfaypszRqPjHX
Spiegel im Spiegel (Soloinstrument und Klavier)
"Spiegel im Spiegel" für ein Soloinstrument und Klavier - ein Werk, das mir persönlich besonders am Herzen liegt, mit dem ich vieles verbinde und durch das ich mich verbunden fühle. Eine filigrane Musik, zerbrechlich wie das Leben.
Wie viele seiner Werke, hat Arvo Pärt auch für dieses Stück unterschiedliche Besetzungen vorgesehen. Es gibt sowohl Ausgaben für Streichinstrument und Klavier, verschiedene Bläserfassungen und auch eine Fassung für Orgel Solo.
Der Titel 'Spiegel im Spiegel' kann zum einen bezogen werden auf die Struktur des Stückes, auf die scheinbar endlosen Linien, die sich an einem Achsenton spiegeln. Er weckt aber auch die Assoziation an den Vers aus 1. Korinther 13,12: "Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht." Vielleicht lassen sich an geeigneter Stelle Bezüge herstellen, zwischen der Aussicht, die Paulus hier beschreibt und der Musik von Arvo Pärt. Vielleicht kann die Musik von Arvo Pärt zu einem Raum werden, in dem ein solcher Satz nachklingen kann, in dem er in die Tiefe einklingen kann. Vielleicht gibt auch das Bild von Paulus der Musik eine neue Richtung.
https://www.youtube.com/watch?v=TA0U22ZMVR0&list=RDTA0U22ZMVR0&start_radio=1
Wer sich aufmerksam und mit offenen Sinnen auf die Musik von Arvo Pärt einlässt, dem werden sich in der Gestaltung von (liturgie-)musikalischen Programmen und Konzeptionen zahlreiche Momente eröffnen, in denen diese Musik eine Intensität, Verinnerlichung und Kraft entfaltet, die Menschen berührt und in ihr eigenes Innere führen kann.


